Früher war alles besser

September 06, 2015  •  Leave a Comment

Früher war alles besser? Ein banaler Spruch, der auch nicht stimmt, aber genau das ist mir heute durch den Kopf gegangen. Ich bin 1960 geboren, wurde 1966 eingeschult, bekam noch beigebracht, mit dem „schönen Händchen“ zu schreiben. LinkshänderInnen wurden gnadenlos umgewöhnt, was dazu führte, dass ich z.B. nicht unterscheiden konnte, wo rechts und wo links ist. Bis ich auf dem rechten Auge eine starke Kurzsichtigkeit entwickelte, da war dann rechts eben da, wo ich nichts sah (ich habe mich damit aber nicht für eine politische Karriere qualifiziert). Das machen sie ja heute nicht mehr, dafür benutzen sie zur Vermittlung von Rechtschreibung ein System, bei dem 40% der Kinder völlig hintenrunter fallen. Ich hatte wenigstens nur eine hässliche Handschrift.1972 kam ich aufs Gymnasium. Die Studentenrevolten der APO-Zeit waren schon abgeklungen - ich kann mich noch an die Bilder in den Fernsehnachrichten erinnern, die Polizei fuhr VW Käfer und war gut dabei, beim Draufhauen, auf Demonstranten - wirkten aber noch etwas nach. Das Herborner Gymnasium war als „links“ verschrien, ich durfte trotzdem (oder gerade deswegen?) hin. Als Jugendliche und junge Erwachsene habe ich gegen vieles protestiert. Den Radikalenerlass  mit Berufsverboten empfanden wir als himmelschreiendes Unrecht, der Kalte Krieg wurde ständig als Bedrohung wahrgenommen, trotzdem konnte man mit GIs auch mal Freundschaft schließen, die Friedensbewegung lud zum Mitmachen ein und in diesem Miteinander lag eine gewisse Wärme und Geborgenheit. Man war nicht allein, man war eine große Gruppe von Menschen mit gleicher Gesinnung, und da waren natürlich auch die Vorbilder wie Joan Baez, Hannes Wader, Franz-Josef Degenhard… Ich will das gar nicht so sehr vertiefen, mir geht es darum, dass man zwar immer wusste, dass es vieles zu verbessern galt, dass man immer wusste, dass das System in sich die Ungerechtigkeit trug, die auch nicht wegzudiskutieren war („es gibt keine guten Herren, es gibt nur Herren und Knechte“). Deshalb konnte man auch im heute sogenannten „Deutschen Herbst“ nicht so recht Stellung beziehen. Aber in all dem gab es ein Aufwärts! ein Vorwärts!. Es gab immer die Gewissheit, dass wir „es“ besser machen. Und es gab ja auch Fortschritte, es wurde in der Tat immer mal wieder etwas besser. Und gegen Rückschritte wurde energisch protestiert. Anti Krieg, Anti Atomkraft, Anti § 218… Auch darin lag eine gewisse Wärme. Die Wiedervereinigung Deutschlands und der Zusammenbruch der Sowjetunion gaben kurzfristig die Hoffnung auf einen ganz großen Schritt vorwärts. 

Und was ist daraus geworden? Als die Amerikaner in den zweiten Golfkrieg eintraten, habe ich geweint. Nun also doch wieder Krieg und Vernichtung - jetzt erst recht und mit größerer Wucht als je zuvor, weil die Bedrohung durch den Feind Sowjetunion das amerikanische Großmachtstreben nicht mehr bremsen konnte. Im Nachhinein scheint mir der Beginn des Golfkrieges zusammenzufallen mit der Verschärfung unserer Asylgesetzgebung (das stimmt auch fast, der zweite Golfkrieg begann 1990, unser Asylrecht wurde 1993 geändert). Ich habe damals ernsthaft überlegt, ob es mir nicht möglich ist, Asylsuchenden bei mir Unterschlupf zu gewähren. Die Abschottung und vor allem die Herabwürdigung von Mitmenschen in Not war nicht nur gegenüber Asylsuchenden zu beobachten, das richtete sich dann auch ganz schnell gegen Arbeitslose, später Hartz IV-Empfänger - Hartz IV, ein Highlight der sozialen Kälte, trat 2002 in Kraft. Aufgewachsen in der sozialen Marktwirtschaft stand ich fassungslos vor diesen Auswüchsen des neuen, modernen Gesichts des Kapitalismus. Der Neoliberalismus mit seiner Globalisierung - von vorne herein habe ich dieses Konzept für unsinnig und menschenverachtend gehalten. Da wollte man uns doch tatsächlich einreden, dass nach einer gewissen Zeit der Nutzen auch für uns auf der ganzen Welt spürbar sein werde. Neoliberalismus und Globalisierung als Entwicklungshilfeprogramm - zynischer geht es wohl nicht. Und ausgerechnet die beiden Parteien, von denen man meinte, die Verteidigung der Menschenrechte erwarten zu können, haben sich hier bei deren Beseitigung ganz groß hervorgetan. Die Sozialdemokratie und die Grünen wurden von linken Hoffnungsträgern zu Wegbereitern der Konzerndiktatur, Sargträgern der Sozialen Marktwirtschaft. Und nur am Anfang wurde in bisschen protestiert. Inzwischen haben wir offenbar völlig aufgehört, Menschen nach ihrem ganz eigenen Wert zu beurteilen, jetzt urteilen wir nur noch anhand der Produktivität und der Konsumbereitschaft. Kinder werden hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit nach dem eingestuft, was von ihnen zu erwarten ist, alte, kranke, gehandicapte Menschen sind nutzloser Ballast. Ebenso wie die durch Kriege, Bürgerkriege und wirtschaftliche Totalausbeutung in die Flucht getriebenen Menschen, die jetzt zu Tausenden an den verschlossenen Türen Europas zerschellen wie die Zugvögel an den Glasscheiben unserer Wohlstandstürme. Es ist kalt und dunkel in Deutschland, und nur selten leuchten ein paar Kerzen der Menschlichkeit.


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